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Nachbereitungsreader: Inhalt Vorwort

Vorwort

Abschiebungshaft in Deutschland ist ein alltäglicher Skandal: Nicht nur die oftmals schlampige Prüfung der Voraussetzungen nach dem Gesetz, sondern auch die Praxis ihres Vollzuges und die verfassungswidrig eingeschränkte Prüfung durch die Haftrichter.

Der Rechtsstaat Bundesrepublik zeichnet sich durch eine Fülle von Rechtsnormen aus, die alle Aspekte des Lebens regeln. Es kann nicht erstaunen, daß es erhebliche Regelungsdefizite gerade da gibt, wo es um die Verhaftung von Ausländern und ihre Haftbedingungen geht. Schließlich hat die Geringschätzung von Fremden hierzulande Tradition.
Die Geringschätzung der Rechten von Ausländern kommt auch dadurch zum Ausdruck, daß sich die Dauer der Haft mehr an der Langsamkeit von Verwaltungsabläufen und dem staatlichen Abschiebungsinteresse orientiert als an den Menschenrechten der Inhaftierten. Sitzt ein Ausländer erst einmal in Abschiebungshaft, dann lassen sich die Behörden reichlich Zeit. Sucht er sein Recht zu erlangen, dann wird er sehr schnell mit Hindernissen von Seiten der Behörden und Gerichte konfrontiert.

Man könnte von einem Recht der zwei Geschwindigkeiten sprechen: langsam und unwillig beim Grundrechtsschutz für Ausländer, schnell und devot gegenüber dem Staat, wenn es um Abschiebung und Zurückweisung geht.

Abschiebungshaft ist die niederträchtigste Haftart. Wer in Untersuchungs- oder Strafhaft sitzt, kennt zumeist den Grund und akzeptiert ihn – vielleicht nicht für sich selbst, aber zumeist als eine mögliche Reaktion der Gesellschaft auf ein Delikt. Er kennt das Ende der Strafe in Jahren, Monaten, Tagen oder hat als Untersuchungshäftling die Perspektive der anstehenden Hauptverhandlung.
Anders der Abschiebungshäftling. Er ist nur deshalb in Deutschland inhaftiert, damit man ihn außer Landes bringen kann, und er sitzt deswegen auf unbestimmte, lediglich auf 18 Monate Höchtsdauer begrenzte Zeit.
Den meisten Abschiebungshäftlingen ist nicht klar, warum sie in der Abschiebungshaftanstalt sitzen. Bereits das vorangegangene komplizierte asyl- oder ausländerrechtliche Verfahren haben sie oft nicht durchschaut. Die Inhaftierung verstößt gegen ihr Gerechtigkeitsgefühl: Sie können nicht verstehen, daß sie inhaftiert werden, ohne daß sie eine Straftat begangen haben. Die so empfundene Sinnlosigkeit der Haft, ihre unbestimmte Dauer und die Angst davor, daß an ihrem Ende die Abschiebung in ein möglicherweise gefährliches Herkunftsland oder ein unbekanntes Drittland stehen, machen die Inhaftierung schwer erträglich. Langeweile, Angst, Depressionen, Ungeduld und Verzweiflung, Aggressionen, Nervenzusammenbrüche und Selbstmordversuche: Das ist die Realität des Lebens in Abschiebungshaftanstalten der Bundesrepublik. Und immer wieder auch kommt es zu Suiziden.

Wo sich Unterstützerinitiativen, Betreuungsgruppen und Gefängnisseelsorger um die konkreten Bedürfnisse der Menschen in Abschiebungshaft kümmern, findet diese Arbeit oftmals unter erschwerten Umständen statt. Viele Abschiebungshaftanstalten sind schwer erreichbar, die Zugangshürden für Ehrenamtliche hoch, das Elend der Häftlinge eine große Belastung auch für die Unterstützerinnen und Unterstützer, deren Einwirkungsmöglichkeiten begrenzt sind. Der Einsatz für die Verbesserung der Verhältnisse fordert viel Energie. Manchmal fehlt diese Energie für die politische Arbeit gegen das strukturelle Übel selbst: die Abschiebungshaft.

Um eine Vernetzung von Abschiebehaftgruppen, Beratungsstellen und Einzelpersonen, die in und gegen Abschiebungshaft tätig sind, beginnen zu können, hat die Abschiebehaftgruppe beim Flüchtlingsrat Leipzig e.V. auf Initiative von PRO ASYL ein erstes Vernetzungstreffen durchgeführt. Dessen Ergebnisse enthält dieser Reader.

Dabei soll es nicht bleiben. Der Flüchtlingsrat Leipzig e.V. wird – zunächst für ein Jahr – die Vernetzung vorantreiben und die Informationsstelle für all das sein, was im Zusammenhang mit Abschiebungshaft wichtig ist.
Gemeinsam sollten wir den alltäglichen Skandal der Abschiebungshaft auf die Tagesordnung setzen.

Bernd Mesovic. Pro Asyl

04.07.2001 www.abschiebehaft.de
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