Am Selbstmord in der Zelle gibt es immer mehr ZweifelErmittlungen: 21-Jähriger aus Sierra Leone war an Händen und Füßen gefesseltDessau, 08.02.2005 Fünf Wochen nach dem Feuertod eines Asylbewerbers aus Sierra Leone in einer Dessauer Revierzelle mehren sich die Zweifel an der bislang von der Polizei vertretenen Selbstmordvariante. Ermittlungen haben ergeben, dass der 21-Jährige während des Brandes am 7. Januar fest an Händen und Füßen gefesselt war. Wie der Mann dennoch ein zuvor verstecktes Feuerzeug benutzen konnte, ist unklar. Der Innenausschuss des Landtages hat mittlerweile rasche Aufklärung gefordert. Die Staatsanwaltschaft hält sich weiter bedeckt. Matthias Gärtner läuft dieser Tage häufiger Gefahr, beim Telefonieren den Hörer fallen zu lassen. Immer dann, wenn er mit Parlamentskollegen auf ein derzeit heiß diskutiertes Thema zu sprechen kommt, ertappt sich der innenpolitische Sprecher der PDS-Landtagsfraktion beim akrobatischen Selbstversuch. "Ich strecke schon automatisch die Arme und Beine aus, um mir vorzustellen, was am Freitag vor fünf Wochen passiert sein könnte", so Gärtner.
An diesem Tag soll es Oury Jalloh in eben dieser Stellung gelungen sein, ein zuvor am Körper verstecktes Feuerzeug aus der Kleidung zu fingern, zu betätigen und schließlich die Matratze seiner Arrestzelle im Keller des Dessauer Polizeireviers anzuzünden. Anders als nun Gärtner hatte der Asylbewerber aus Sierra Leone offenbar nicht die Wahl, auch auf andere Weise an das Feuerzeug zu gelangen: Von den Beamten, die ihn am Morgen des 7. Januar in der Innenstadt wegen der Belästigung mehrerer Frauen festgenommen hatten, war der 21-Jährige an ausgestreckten Armen und Beinen auf die Zellenpritsche gebunden worden.
Seit er in der jüngsten Sitzung des Innenausschusses vom zuständigen Abteilungsleiter im Innenministerium auf den aktuellen Stand der Ermittlungen im Fall Oury Jalloh gebracht wurde, hat auch Bernward Rothe so seine Probleme. "Die Sache ist bislang mehr als dubios", sagt der Landtagsabgeordnete und SPD-Innenexperte. Die bisherigen Erklärungsversuche zum Tod des Asylbewerbers hätten keines der Ausschussmitglieder überzeugen können. "Wir waren uns letztlich alle einig, dass die Sache weiterverfolgt und ganz rasch aufgeklärt werden muss."
Das kann freilich noch dauern. Während die zuständige Staatsanwaltschaft Dessau noch vor wenigen Tagen Ermittlungsergebnisse für den Beginn dieser Woche in Aussicht gestellt hatte, wurde der Termin am Dienstag erneut aufgeschoben: "Zu Beginn kommender Woche werden wir hoffentlich an die Öffentlichkeit gehen können."
Auf das Ergebnis darf man gespannt sein. Nach Informationen der MZ stehen die Ermittler der mit dem Fall betrauten Polizeidirektion Stendal bislang vor mehreren Rätseln: Wenn der Festgenommene ein Feuerzeug bei sich hatte, warum wurde es ihm nicht abgenommen? Wie kann der Mann - in der später auch von Feuerwehrleuten bezeugten Zwangslage - an das Feuerzeug gelangt sein? Warum kam die Hilfe zu spät, obwohl der Feuermelder im Bereich der im Keller des Reviers gelegenen Zelle laut mittlerweile erstelltem Gutachten einwandfrei funktionierte?
Offiziell fest steht noch immer nur, dass Oury Jalloh durch die Flammen ums Leben gekommen ist. Das ist das einzige Ergebnis der Obduktion, mit der die Behörden schon wenige Tage nach dem Unglück an die Öffentlichkeit gegangen waren. "Der Mann ist verbrannt", hatte die Dessauer Oberstaatsanwältin Susanne Helbig damals mitgeteilt. Andere Feststellungen der zuständigen Rechtsmediziner blieben unter Verschluss.
Dass die Leiche des Asylbewerbers etwa Brüche an beiden Handgelenken aufgewiesen haben soll, wurde lediglich Mitgliedern des Magdeburger Innenausschusses bekannt. Die Frage, ob bei der Leichenschau weitere schwere Verletzungen festgestellt wurden, wollte der Stellvertreter von Oberstaatsanwältin Helbig am Dienstag nicht beantworten.
Unterdessen haben mehrere Zeugen ausgesagt, dass dem Zellenarrest "schwere körperliche Auseinandersetzungen" zwischen dem Asylbewerber und Polizeibeamten vorausgegangen seien. Was genau das bedeutet, dürfte allerdings auch erst frühestens in der kommenden Woche deutlich werden. Mitteldeutsche Zeitung
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