Hungerstreik im Abschiebeknast Berlin-KöpenickBerlin, 24.01.2003 „Weißt Du mit der Rasierklinge schneiden sich viele Leute in den Bauch oder in die Hand. Und manche versuchen auch sich selbst zu töten. Oder viele machen auch Hungerstreik. Viele, viele Leute waren einen Monat ohne Essen, zwei Monate, anderthalb Monate. Weißt Du, die Leute haben nichts gemacht. Die wollen jemanden heiraten oder sind illegal oder irgend etwas und kommen sofort in Abschiebehaft. Und dort müssen sie so lange verbringen und dann werden sie abgeschoben. Es gibt Leute, die in Deutschland 10 Jahre oder 20 Jahre sind. Auch hier geboren, egal was. Sie kommen in Abschiebehaft und können das nicht ertragen. (M. war fast 11 Monate in Abschiebehaft)
"Die Versprechen der Ausländerbehörde, dass alles besser wird, erfüllen sich nicht bzw. haben sich nicht erfüllt ... Manche, deren Abschiebung unmöglich ist, sitzen dennoch sechs Monate oder mehr in Abschiebehaft. Die Methode des Personals (Polizeibeamte, Ärzte, Sozi-alarbeiter) ist in vieler Hinsicht zu beanstanden: unkorrekte Behandlung der Abschiebehäftlinge, rüdes verhalten gegenüber den Gefangenen."
Aus dem Brief der Hungerstrei-kenden an die Haftleitung
Von Montag den 20. bis Mittwoch den 22. Januar befanden sich in der Abschiebehaft in Berlin-Köpenick bis zu 70 Menschen im Hungerstreik. Ihre Forderungen haben sie in einem Brief an die Knastleitung formuliert. Sie baten um ein Gespräch, an dem eine Vertreterin der Ausländer-behörde, der Haftleiter sowie der Polizeipräsident teil-nehmen sollten. Sie kündigten an, zunächst drei Tage lang in den Hungerstreik zu treten. Zur Zeit befinden sich noch immer einige der Häftlinge in Hungerstreik mit offenem Ende.
Der Haftalltag in der Berliner Abschiebehaft ist geprägt durch eine rigorose Einschränkung der Bewegungs- und Entscheidungsfreiheit, es gibt keine Arbeits- oder Beschäftigungsmöglichkeiten und lediglich einmal am Tag eine Stunde Hofgang. Die Fenster sind außen und innen vergittert, BesucherInnen können nur hinter einer Trennscheibe empfangen werden. Immer wieder gibt es Klagen über Willkür und Schikanen der bewachenden Polizeibe-diensteten.
Die Perspektivlosigkeit der Situation, die Ungewissheit über die Dauer der Inhaftierung und die Angst vor der Rückkehr ins Herkunftsland schaffen ein Klima der Hilflosigkeit, Frustration und Verzweiflung. Hungerstreiks, Selbstverletzungen und Suizidversuche sind in der Berli-ner Abschiebehaft an der Tagesordnung.
Gegen den behördlich angeordneten Freiheitsentzug und gegen die Abschiebepraxis gibt es permanent Widerstand. An der jüngsten Protestaktion beteiligten sich Häftlinge aus vier verschiedenen Stockwerken der beiden Häuser des Abschiebehaftkomplexes. In dem Brief nennen sie als Anlass ihres Hungerstreiks die hygienischen Verhältnisse, die lange Haftdauer über fünf oder sechs Monate hinaus sowie das unkorrekte und rüde Verhalten des Personals. Außerdem fordern sie Zugang zu Informationen.
Unterstützt die Protestaktion der Abschiebehäftlinge!
Freilassung aller Gefangenen in den Abschiebeknästen!
Aufhebung aller Sondergesetze für MigrantInnen und Flüchtlinge!
Für Freizügigkeit und Selbstbestimmung überall!
Abschiebehaft abschaffen! Abschiebungen beenden!
Weitere Informationen: http://www.berlinet/ari/ini
Initiative gegen Abschiebehaft (Berlin)
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